"Wer Dein Schweigen nicht versteht, versteht auch Deine Worte nicht."
- Verfasser unbekannt -



"Selektiver Mutismus ist ein dauerhaftes, wiederkehrendes Schweigen in bestimmten Situationen (z.B. Kindergarten / Schule) und / oder gegenüber bestimmten Personen (z.B. Personen die nicht zum engsten Familienkreis gehören). Dieses Schweigen tritt auf, obwohl die Sprechfähigkeit vorhanden ist. Ebenso ist die Redebereitschaft gegenüber einigen wenigen vertrauten Personen in vertrautem Umfeld gegeben." (Bahr, Redehemmungen verstehen und behandeln. Ein Praxisbuch. Düsseldorf. 2002).

„Mutismus ist die Unfähigkeit, Fremdheit zu überwinden oder das Vertraute in die fremde Welt zu transferieren.“(Katz – Bernstein, mündlich 2012).

Voraussetzung für die Diagnose:

Damit man von einem selektiven Mutismus sprechen kann müssen zwei Dinge zutreffen:

  • Es kommt zu Nicht - sprechen unter bestimmten Bedingungen = die verbale Kommunikation ist betroffen

  • Es kommt zu Kommunikationsabbrüchen auf non – verbaler Ebene d.h. Gestik, Mimik, Blickkontakt, gemeinsame Handlungen werden abgebrochen oder es kommt zum „Erstarren“,


Mögliche Begleiterscheinungen:

Möglicherweise lassen sich bei Menschen die im Sinne des selektiven Mutismus unter bestimmten Bedingungen nicht sprechen folgende Besonderheiten beobachten:

  • es kann eine ausgeprägte Beobachtungs- und Wahrnehmungsgabe sowie hohe Sensi­bilität auf allen Ebenen für sich selbst und die soziale Umwelt (Beobachtungen von Geschehnissen, Mimik und Gestik anderer, Interpretation der Gedanken und Gefühle anderer, Selbstwirkung, (mögliche) Fremdwirkung) geben

  • es kann ein hoher Perfektions- und Leistungsanspruch an sich selbst mit einer geringen Toleranz gegenüber eigenen Fehlern geben, die der Umwelt verborgen bleiben sollen

  • es können Handlungsebenen betroffen sein, die / deren Ergebnisse etwas vom Ich preisgeben (Bewegung, künstlerische Ausdrucksformen, Schriftstücke oder das Schreiben allgemein, Entscheidungen (treffen) Kund tun

  • oft können „Führungs- / Bestimmerqualitäten“ in gewohnten Umfeldern (Familie) und mit sehr vertrauten Personen vorhanden sein, die sich darin äußern, dass die Menschen sich sicher fühlen, wenn sie den „Ton angeben“

  • unterschiedliche Begleiterscheinungen und Hintergründe die jeden Menschen (mit Mutismus) zu einem ganz Besonderen machen wenn es um die Frage geht, was ist hilfreich, was ist möglich und somit individuelle Hilfeplanungen nötig machen

  • Mutismus kann einhergehen mit unterschiedlichen Begleitsymptomen und unterschiedliche Ausprägungen haben


Grundsätzlich ist ein Mensch mit Mutismus mehr als die Eigenschaft des Nicht - sprechens unter bestimmten Bedingungen. Das Nicht - Sprechen ist ein Baustein neben vielen anderen Möglichkeiten und Fähigkeiten einer besonderen Persönlichkeit.


Therapeutische Ideen:

  • Beziehungsaufbau

  • an einer gemeinsamen Sache arbeiten

  • Schutz bieten – die Grenzen des Gegenübers akzeptieren

  • Hoffnung ausstrahlen – an die Fähigkeiten, Kompetenzen und das Entwicklungspotential des Gegenübers glauben

  • Brücken bauen und angemessen fordern (sich entscheiden lernen, eigeninitiativ werden, Selbstwirksamkeit erleben)

  • Humor

  • Langsamer Aufbau eines sozialen Netzes


Hilfreiche Ideen für den Umgang:

  • Das Schweigen ist kein Ausdruck von Bockigkeit, auch sind die Menschen nicht störrisch oder extrem schüchtern. Es wächst sich nicht von alleine aus!
    Stattdessen hilft der Besuch bei einem Facharzt (Kinder – und Jugendpsychiater, Kinderarzt, Pädaudiologe, Kinderzentrum) zur Diagnostik und eine Psycho- oder Sprachtherapie, manchmal auch eine alltagsbegleitende Maßnahme nach §35a KJHG durch Therapeuten, die Erfahrung im Umgang mit Mutismus haben.

  • Das Schweigen richtet sich nicht gegen den Kommunikationspartner!
    Stattdessen hat es seine Entwicklungsgeschichten und KANN nicht sofort überwunden werden. Es gehören Können und Wollen dazu es zu überwinden und eine riesen Portion Mut, die noch größer sein muss wenn das Schweigen schon lange besteht. Für die Kommunikationspartner und beteiligten Familienangehörigen kann es wichtig sein, sich Unterstützung im Umgang mit dem nicht – sprechen zu erfragen.

  • Jede Aufforderung zum Sprechen, jeder dadurch hergestellte Mittelpunkt mit dem Fokus auf das nicht - können und jede daraus resultierende Erfahrung, dass die Antwort nicht geht erzeugt Druck. Die Angst vor der nächsten ähnlichen Situation wird immer größer.

  • Stattdessen hilft es herauszufinden:

    • Welche verbalen und non – verbalen Handlungen funktionieren? (arbeitet mit, macht Sport, Sitzkreise, Spiele…mit, nimmt Blickkontakt auf, folgt in einen anderen Raum,….) In welchen Zusammenhängen? Wann? Wo? Mit wem? Wer ist dabei?

    • Machen Sie mehr davon!

    • Wie zeigt der Mensch, dass es ihm / ihr besser – schlechter geht, eine Situation angenehm – unangenehm ist?

    • Gestalten Sie mehr angenehme, bessere, entspannende Situationen.

    • Wenn es gute Ausnahmen gibt, z.B. jemand „aus Versehen spricht“ freuen Sie sich zunächst für sich alleine, machen Sie mehr davon und heben Sie die ersten verbalen und nonverbalen Äußerungen nicht besonders hervor .

    • Stärken, Fähigkeiten, Humor, Leichtigkeit allgemein und besonders im Umgang mit Missgeschicken und Fehlern sind wie immer ein wunderbarer Schlüssel zum Erfolg.

    • ... und warten Sie nicht auf verbale Kommunikation
      Stattdessen hilft ein langer Atem und ein Blick auf die kleinen außersprachlichen Fortschritte.

    • In jedem Fall ist es wichtig Überforderung zu vermeiden und ein gutes Maß an Anforderung wenn möglich mit den Betroffenen selbst, sonst mit den Angehörigen und den beteiligten Therapeuten abzusprechen. Denn angemessene Forderungen und Herausforderungen sind es, die ein sich Überwinden ermöglichen und Erfolgserlebnisse zulassen. So entsteht mehr und mehr ein Selbstbild der Handlungsfähigkeit und eine Identität „Ich bin eine handlungsfähige und sprechende Person“.


    Besonderheiten für die Schule / Bewertung mündlicher Leistungen:
    In Niedersachsen gibt es per Richtlinie, nicht per Empfehlung die Möglichkeit einen Nachteilsausgleich geltend zu machen, der für auch für Schüler mit selektivem Mutismus spezifiziert wurde. Der Vergabe von Zensuren für die mündliche Beteiligung wurde so Spielräume eröffnet. Die Betroffenen erarbeiten individuell abgesprochene Zusatzaufgaben um nicht noch zusätzlich durch schlechte Bewertungen benachteiligt zu werden.

    Näheres dazu unter:
    Dr. Behrens, Ulrike; Dr. Wachtel, Peter (2008): Nachteilsausgleich in der Schule. In: Schulverwaltungsblatt, Mai 2008.

    Kramer, J. ( 2007): Mündliche Zensuren für Schülerinnen und Schülern, die unter bestimmten Bedingungen nicht sprechen - Hilfestellungen für Eltern und LehrerInnen. In: L.O.G.O.S. INTERDISZIPLINÄR Jg.15 /3, 217



    Weitere Informationen zum Thema selektiver Mutismus

    Dort finden Sie auch Literaturangaben und unterschiedliche therapeutische Ansätze.


    Ansprechpartner in der Nähe:

    Praxis für Sprachtherapie und systemische Prozessbegleitung
    Schwerpunktpraxis Mutismus

    Katrin Trappe
    Gaststr. 19a
    26655 Westerstede
    04488 / 761200
    www.therapiezentrum-westerstede.de

    Fortbildungen in der Nähe:

    www.therapiezentrum-westerstede.de
    Abteilung Fortbildungen